
Der siebente Kontinent
Vorlauf zum Tod der bürgerlichen Familie Schober in drei Akten: 1987, 1988, 1989 … Schwarzblende. Michael Hanekes Kinodebüt verbindet das Bedürfnis der Familie nach Flucht aus der Monotonie des Alltags mit dem Akt des Sehens, also dem Kino. Anders über die Welt nachzudenken bedeutet auch, sie anders zu sehen. Der siebente Kontinent ist der Versuch, unseren Blick neu zu konfigurieren und so die Möglichkeit einer Flucht zu eröffnen.
Vorlauf zum Tod der bürgerlichen Familie Schober in drei Akten: 1987, 1988, 1989 … Schwarzblende. Zum Abschluss: ein trocken formuliertes Textinsert, das uns wissen lässt, dass die Eltern von Georg nicht an den kollektiven Selbstmord der Familie glauben und Anzeige wegen Mordes durch unbekannt eingebracht haben.
Deutlich wird jedoch in den vorhergehenden 104 Minuten von Michael Hanekes Kinodebüt, dass es keine schuldige Person gibt und dass es auch nicht um die psychologischen Untiefen der Figuren gehen kann, die zu diesem Schritt geführt hätten. Vielmehr sind es Strukturen und Abläufe, Routinen, die sich einschleifen, die dem Leben seine Leere (und damit vielleicht dem Tod seine Attraktivität) verleihen: das Klingeln des Weckers um sechs Uhr morgens, die Fahrt zur Arbeit, die Monotonie der Arbeitsprozesse, des Einkaufens, der Autowäsche, des Briefeschreibens, kurz: die Art und Weise, mit der Welt umzugehen und in ihr zu leben. Von Anfang an verbindet Haneke diese Art zu leben mit der Art zu sehen. Er koppelt das Nachdenken und Fühlen in der Welt an das Sehen (und damit an das Kino): der Blick durch die Windschutzscheibe der Familienkutsche im wöchentlichen Waschgang, das Kartografieren des Auges in Annas (Georgs Frau) Optikerbetrieb, Evis (Georgs Tochter) Behauptung in der Schule, sie sei blind geworden, und – natürlich – das Fernsehen.
Der siebente Kontinent erzählt vom (missglückten) Versuch der Familie, diesen Strukturen zu entkommen, und ist selbst als Film gegen eingeschliffene Seh-(also Denk-)Strukturen gerichtet. Nah an den Kleinigkeiten, Oberflächen und Handgriffen des Alltags hebt die Kamera jeden Moment für sich hervor, lässt spürbar werden, wie Routinen und Konventionen den Blick verengen und klein machen und größere Zusammenhänge ins Unsichtbare, das Off des Bildes, verdrängen. Einmal erzählt Georg seiner Familie, was seine Mutter kurz vor ihrem Tod gesagt habe: „Manchmal stelle ich mir vor, die Menschen hätten statt eines undurchsichtigen Kopfes einen Monitor, auf dem ihre Gedanken erscheinen.“
Der siebente Kontinent ist der gezielte Versuch, den Blick zu verschieben und dadurch andere Bilder auf diesem Monitor, der unser Kopf ist, erscheinen zu lassen: nicht nur ein Fliehen vor etwas (und in den Tod), sondern auch der Wunsch nach einem anderen Ort (in der sinnlich erfahrbaren Welt) – nach einem ästhetischen Kontinent, zu dem man aufbrechen könnte.
(Alejandro Bachmann)
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